Rund um das Leben

Der Mütter-Vergleichs-Wahn

Mir ist es schon die ganze Zeit ein Bedürfnis, über diesen Wahnsinn einen Beitrag zu schreiben. Wir Mütter ticken doch echt manchmal nicht richtig. Ok, vielleicht nicht alle Mütter und ich bewundere jede Mutter, die sich davon ganz freisprechen kann. Aber die meisten Mütter, haben wie ich, immer wieder das Problem, sich mit anderen zu vergleichen. Und zwar zum einen hinsichtlich der anderen Mütter als auch hinsichtlich der Kinder.

Ein Beispiel: eine Mutter arbeitet wie ich in Teilzeit und bekommt die Erziehung und den Rest mit Haushalt und allem drum und dran so gerade mal einigermaßen auf die Reihe. Dann kennt diese Mutter eine andere Mutter, die Vollzeit arbeitet und denkt sich: „Wie macht die das? Ich könnte das nicht.“ Dabei ist es bei mir z.B. so, dass ich gar nicht Vollzeit arbeiten möchte. Dennoch denke ich manchmal, ich bin eine Lusche, weil ich die Kraft dazu nicht hätte. Versteht Ihr was ich meine? Immer wieder verurteilen wir Mütter uns, wenn wir vermeintlich nicht genauso gut sind wie andere.

Noch schlimmer finde ich ja diesen Kinder-Vergleich von Geburt an. Wer kennt es nicht? Nach der Geburt in der Krabbelgruppe, im PEKIP-Kurs oder beim Babyschwimmen oder wo auch immer. Die Mütter die einen ganz schräg anschauen, weil ja ihr Wunderbaby schon krabbelt oder irgendwas anderes Überragendes kann, während das eigene Kind regungslos wie eine tote Maus auf dem Rücken liegt und keine Anstalten macht, sich irgendwie zu bewegen. Und dann die Kommentare: „Also meine Schantall krabbelt schon seit Wochen! Deiner kann das noch nicht?“ Was macht das mit einem? Richtig, es macht einen wütend und manchmal, wenn man beim ersten Kind vielleicht noch ganz verunsichert ist, nachdenklich. Da denkt dann die ein oder andere ernsthaft, mit ihrem Kind würde etwas nicht stimmen. Dabei stimmt was im Oberstübchen der Schantall-Mama so gar nicht.

Oder zum Beispiel das Thema Stillen. Wie, Du stillst Dein Kind nicht? Wie, Du stillst Dein Kind immer noch? Meine Güte, jeder muss es doch so machen, wie es sich für ihn und sein Kind persönlich richtig anfühlt. Und diese ungefragten Ratschläge von den Supermamas sind halt auch Schläge. Wenn man gefragt wird, kann man ja ruhig seine Meinung zum Besten geben, aber ungefragt? Das braucht doch niemand.

Das geht eigentlich die ganzen Jahre hindurch immer so weiter. Ich kann ja mit diesen „mein Kind ist das Tollste“-Mamas so gar nichts anfangen. Ich freue mich eher, wenn jemand auch mal über die Schwächen oder das was nervt berichtet. Es ist doch so: nach außen hin tun immer alle so, als wäre alles ganz easy. So geht man frisch gestylt ins Büro und mimt die Superwoman. Und alle anderen Mamas fühlen sich ganz mies, wenn sie es gerade mal schaffen, morgens vor dem Büro ihre Haare irgendwie in etwas anderes als einen Wischmopp auf dem Kopf zu verwandeln. Erst wenn man dann selbst aus dem Nähkästchen plaudert, dass man das eigene Kind mindestens ein bis hundert Mal am Tag am liebsten an die Wand klatschen könnte, weil es gerade in der Ultratrotzphase ist, kommen sie aus ihrem Wunderwoman-Eck gekrochen. Dann geben sie auch mal zu, dass es nicht immer alles so super läuft und sie auch manchmal mit den Nerven am Ende sind, weil das Kind nachts Kinderparty macht und nicht mal ansatzweise daran denkt, zu schlafen.

Es geht uns Müttern doch immer viel besser, wenn wir alle ehrlich sind und nicht immer nur eine Show spielen! Wir fühlen uns doch erleichtert und nicht so alleine mit unseren teilweise vergeblichen Erziehungsversuchen bei Tisch, wenn wir hören, dass andere Kinder auch essen, wie ein kleines Ferkel. Oder wenn andere Kinder sich auch nur von Butterbroten oder Nudeln ohne Soße ernähren und nicht von dem gewünschten Bio-Gemüse mit Vollkornbrot. Nicht dass ich wünsche, dass es anderen Müttern schlecht geht. Aber einfach mal die Kirche im Dorf lassen, hilft uns allen doch ungemein. Ja, meine Kinder essen Nutella zum Frühstück und leben erstaunlicherweise noch. Schon da fängt es ja an. Jeder der auf Facebook oder ähnlichen Social-Media-Kanälen unterwegs ist, kennt das doch. Bei öffentlichen Seiten, wo es um Ernährung oder sonst was geht, in den Kommentaren all die Besserwisser und selbsternannten Ernährungswissenschaftler-Mamas.

Nicht falsch verstehen, ich liebe, wie sicher alle Mamas, meine Kinder unendlich und über alles. Aber wer weiß nicht, dass genau diese Liebe auch angreifbar macht. Man möchte ja schließlich das Beste für die eigenen Kinder. Und wenn man dann bei anderen sieht, dass die Kinder vermeintlich perfekt geraten sind und alles super läuft, bekommt das eigene Selbstbewusstsein einen Knacks. Und klar, weiß ich auch, dass es bei niemandem immer perfekt läuft. Trotzdem fühle ich mich dann immer ein bisschen klein. Ich bin eben noch so erzogen, nach außen zu schauen und zu vergleichen.

Diese Geschichte geht die ganzen Jahre so weiter. Vor allem auch in der Schulzeit. Wieviele Eltern schicken ihre Kinder, obwohl diese vom Charakter oder von ihren Noten her gar nicht fürs Gymnasium geeignet sind, auf ein solches. Und warum? Doch viele eigentlich vor allem deshalb, damit sie vor anderen sagen können: „Mein Kind geht aufs Gymnasium“. Damit sie selbst sich besser fühlen und nicht eventuell schlecht, weil sie es nicht geschafft haben, dass das Kind perfekte Noten schreibt oder ein Überflieger in der Schule ist. Aber ist das wirklich das Wichtigste? Ist es nicht am Wichtigsten, dass es den Kindern gut geht? Dass sie die richtigen Charaktereigenschaften entwickeln, wie Mitgefühl, Empathie und Hilfsbereitschaft zum Beispiel? Das wiederum wird nicht mit in die Waagschale geworfen. Und dann verschafft man dadurch den Kindern das erste Versagens-Erlebnis, wenn sie dann später vielleicht „runter“ auf die Realschule wechseln müssen.

Und bitte nicht falsch verstehen: ich bin auch stolz auf meine Kinder, wenn sie was Tolles machen und ja, ich teile das auch gerne mit. Aber ich glaube, ein gesundes Maß zu halten zwischen der Mitteilung von positiven wie auch „negativen“ Erlebnissen. Wir Mütter sollten doch viel offener mit unseren Schwierigkeiten oder Unsicherheiten umgehen. Das würde uns zusammenschweißen und uns dann im Gesamten stärker machen. So wie das mit der Vergleicherei läuft, macht das keinen stark. Auch nicht wirklich die „Supermamas“. Das sind doch eigentlich diejenigen, die am schwächsten sind. Weil sie nicht das Selbstbewusstsein haben, welches aus ihren eigenen Leistungen kommt, sondern auf dem Rücken der Leistungen der Kinder. Insofern werden die Kinder für die eigenen Zwecke missbraucht.

Davon kann ich ein Lied singen. Wer Jungs hat, die Fußball spielen, weiß wovon ich spreche. Mein Großer hat Fußball gespielt und wer ist das Schlimmste bei den Spielen? Richtig: die Eltern am Rand! Da gibt es Kinder, die auf dem Spielfeld weinen, wenn der Papa am Rand steht und sie einen Fehler machen. Weil sie wissen, der Papa möchte einen perfekten Fußballer als Sohn. Das fängt ja schon bei den Kleinsten an – da steht nicht der Spaß im Vordergrund, sondern von Anfang an die Leistung. Und warum? Damit das Kind stolz ist und glücklich? Nein! Damit die Eltern vermeintlich stolz sein können. Ich merke schon, ich schweife ab. Aber für mich hat das alles mit dieser Vergleicherei zu tun.

Wer mich kennt, weiß, dass ich absolut ehrlich und authentisch bin, manchmal bis zur Schmerzgrenze. Ich kann auch gar nicht anders. Und jetzt mit meinen 55 Lebensjahren stelle ich immer mehr fest, ich will auch gar nicht anders sein. Und nach all den Jahren, in denen ich schon tausend Mal gedacht habe, ich habe bei meinen zwei Jungs so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, denke ich inzwischen ganz oft: sie sind eigentlich echt gut geraten, meine beiden Rabauken. Jeder auf seine ganz eigene Weise, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen. Und ich mache aus beidem keinen Hehl. Ich freue mich, wenns gut läuft und ich meckere ganz offen auch bei anderen, wenns mal nicht so gut läuft.

Also appelliere ich hier mal ganz offen: werdet lockerer im Umgang miteinander, werdet authentischer und ehrlicher. Weil das allen gut tut. Einem selbst und den Anderen auch. Dann kann man gemeinsam über die ganzen Schwierigkeiten und über die Erfolge sprechen und keiner fühlt sich schlecht. Es gibt eben nicht immer nur eine Seite. Das Leben mit Kindern ist super toll und es gibt nichts Schöneres – aber eben nicht immer. Genauso oft ist es nervenaufreibend und zum Verzweifeln. Und in der Pubertät zum Teil unfassbar merkwürdig. Lasst uns gemeinsam stark sein. Nicht vermeintlich stark durch die Schwächen der Anderen, weil man eine Rolle spielt.

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